Tölzer Kurier zum 14. Mai 2013

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Dieser Bericht wurde der DPolG-Stiftung freundlicherweise von Veronika Wenzel, Redaktionsleiterin vom „Tölzer Kurier“ zur Verfügung gestellt. Herzlichen Dank!

„Personifizierte Zivilcourage in Uniform“

Stiftung der Polizeigewerkschaft: Großer Festakt in Fall, bei dem eine Gedenktafel enthüllt wird – Rund 250 Gäste

Es ist nicht normal, dass 250 Festgäste zur Einweihung einer Gedenktafel kommen. Schon gar nicht, wenn unter den Besuchern Charlotte Knobloch, Präsidentin der israelitischen Kultusgemeinde, und Größen aus Justiz, Polizei und Gesellschaft sind. Wenn es allerdings Berend Jochem ist, der zu so einem Anlass einlädt, ist das eigentlich noch ein kleiner Kreis. Der große Zuspruch liegt an der Überzeugungskraft, die der Vorsitzende der Stiftung der Deutschen Polizeigewerkschaft an den Tag legt. „Wenn man seine Einladungen ausschlägt, überlebt man das nicht“, scherzte Bürgermeister Werner Weindl.
Dass die „halbe Republik“ gestern zu den Stiftungshäusern nach Fall gekommen sei, zeuge aber auch von der großen Verbundenheit vieler Menschen mit der Stiftung. „Wir jedenfalls sind sehr stolz, sie hier zu haben“, bekannte Weindl. „Die Stiftung leistet segensvolle Arbeit.“
Seit Jahren unterhält die Stiftung in Lenggries, Fall und am Walchensee Häuser, in denen sich Angehörige aus Blaulichtberufen nach traumatischen Erfahrungen erholen können.
Eines der Gebäude in Fall trägt seit gestern den Namen Walter-Sporer-Haus. Der 2011 verstorbene Nürnberger Schuldirektor war zeitlebens den Sicherheitskräften verbunden – unter anderem als Leiter des Shanty-Chors der Nürnberger Wasserschutzpolizei. Sein Vermächtnis ist die Walter-Sporer-Stiftung, die unter dem Dach der Polizei-Stiftung deren Arbeit unterstützt.
Für viele Polizisten sei ihr Dienst nicht nur Beruf, sondern Berufung, betonte Peter Mauthofer, Vizepräsident des Polizeipräsidiums Oberbayern-Süd. Aber sie seien eben auch nur ganz normale „Söhne und Väter, Mütter und Töchter“, die „mit Ereignissen konfrontiert werden, die Spuren hinterlassen“. Oft werde das nicht aufgearbeitet, sondern „verdrängt oder bagatellisiert. Im schlimmsten Fall kann das zur posttraumatischen Belastungsstörung führen“, so Mauthofer. Umso wichtiger seien Refugien, „wohin sich die Menschen zurückziehen können“. Und die traumatischen Erfahrungen nehmen zu, ergänzte Hermann Benker, Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft. „Die Gewalt gegen Polizisten hat ein erschreckendes Ausmaß angenommen.“
Darauf ging auch Knobloch, die der Stiftung seit langem verbunden ist – in ihrer Ansprache ein. Die Attacken auf Polizeibeamte hätten gerade in Großstädten zugenommen. Während die Polizisten für sie persönlich „die personifizierte Zivilcourage in Uniform“ seien, stellten sie für andere „das Hassobjekt in Uniform“ dar. „Brutalität, Aggression und Respektlosigkeit gehören zum alltäglichen Wahnsinn des Dienstes.“ Das erträgliche Maß sei weit überschritten. Hier müsste die ganze Gesellschaft aktiv werden. „Wir dürfen die Beamten nicht mit ihren Sorgen und Nöten allein lassen.“ Aber auch von der Politik erwartet Knobloch deutlich mehr Engagement: Die Anforderungen an die Beamten würden immer höher, die Personaldecke immer dünner. „Hier wünsche ich mir mehr Empathie. Es kann nicht am grünen Tisch entschieden werden, wo wie viel Bedarf besteht.“
Der Anlass des Festakts war dann schnell erledigt. Knobloch und Jochem enthüllten am Stiftungshaus die Gedenktafel für Walter Sporer – begleitet vom Shanty-Chor, der vor dem Bergpanorama Seemannslieder sang. Stadtpfarrer Rupert Frania segnete anschließend noch zwei Autos, die BMW der Polizei-Stiftung zur Verfügung stellt.
Am Rande gab es noch eine skurrile Episode: Während die Größen aus Justiz und Polizei im Festzelt den Reden lauschten, entwendete jemand die beiden Christophorus-Medaillen, die auf die BMW gelegt worden waren. Der „unbekannte Wohltäter“ habe diese bestimmt nur in Sicherheit bringen wollen, meinte Jochem trocken. „Ich würde ihn nun aber bitten, sie zurückzulegen.“

Karsten: „Theo ist eben angeschossen worden. Es sieht nicht gut aus“
Still wurde es gestern, als Kai-Uwe Nielsen zu erzählen begann. Der Polizeibeamte aus Itzehoe (Schleswig- Holstein) war 2012 in einem der Lenggrieser Stiftungshäuser. Am ersten Abend des Aufenthalts sprach er mit seiner Familie noch einmal über einen Vorfall vor 18 Jahren, der ihn tief erschüttert hat. Es war der 17. August 1995. „Ein wunderbarer Sommertag“, erinnerte sich Nielsen. Am nächsten Tag wollte ein Freund heiraten. Er selbst sollte Trauzeuge sein, sein Kollege und Freund Theo den Wagen fahren. Mit ihm telefonierte Nielsen am frühen Abend. Theo musste noch einmal raus zu einer Kontrollaktion. „Um 22.30 Uhr klingelte wieder das Telefon.“ Und er wisse immer noch, was der Anrufer sagte: „Hallo Kai, hier ist Harald. Theo ist eben angeschossen worden. Er ist schwer verletzt. Es sieht nicht gut aus.“ Als Nielsen wenig später am Einsatzort – einem Parkplatz außerhalb von Itzehoe – eintraf, sah er seinen toten Freund auf dem Boden liegen, „daneben ein zweiter lebloser Körper“. Eine Fahrzeugkontrolle sei zuvor aus dem Ruder gelaufen. Zwei Männer waren in ihrem Wagen geflüchtet und hatten versucht, die Polizei abzuschütteln. „Das ist ihnen leider nicht gelungen“, berichtete Nielsen. Auf dem Parkplatz stellten die Beamten die Männer. Einem gelang es, Theos Kollegen Bernd die Dienstwaffe zu entwenden.
Er schoss auf Theo, der erwiderte das Feuer. „Beide haben ihre Waffen leergeschossen, beide sind gestorben“, so Nielsen. Da er Theos Familie gut kannte, überbrachte er den Eltern gemeinsam mit seinem Chef die Nachricht vom Tod des Sohnes. In den Monaten danach kümmerte er sich um Bernd. Zehn Jahre war Nielsen selbst noch auf den Straßen unterwegs. „Das waren sehr schwierige Jahre für meine Frau.“ Viele Nächte habe sie wachgelegen, immer in Sorge, er könnte nicht gesund zurückkommen. „Aber dir war auch immer klar, wie wichtig der Dienst für mich ist. Dafür danke ich Dir“, wandte sich Nielsen an seine Frau. Heute ist er hauptamtlicher Einsatztrainer bei der Polizei und zuständig für rund 500 Kollegen, die er in Sachen Eigensicherung trainiert.
Die Hochzeit übrigens, so Nielsen weiter, habe am 18. August 1995 stattgefunden. „Weil Theo es niemals verstanden hätte, wenn sie abgesagt worden wäre.“          

Veronika Wenzel
Redaktionsleiterin Tölzer Kurier